Schwester Melitta Fragner im Portrait

„Mit der Hilfe von oben”

Schwester Melitta Fragner

„Jeder Mensch sollte für sich entdecken, was Gott von ihm will und danach handeln. Das ist die Basis für ein glückliches Leben.“

Wenn 2020 die zweite Amtszeit von Schwester Melitta als Provinzleiterin endet, war sie (mit 9 Jahren Unterbrechung für verschiedene andere Aufgaben) insgesamt 15 Jahre in der Verantwortung für die Provinz Österreich – Schweiz. Dabei hatte sie ursprünglich ganz andere Pläne für ihr Leben.

„Ich wollte eine Familie mit vielen Kindern, weil ich schon immer eine Kindernärrin war,“ verrät Schwester Melitta, die einen Teil ihrer beruflichen Ausbildungszeit im Kloster Baumgartenberg verbrachte. „Ich habe dort eine Lehre als Damenschneiderin absolviert und wollte später Kinderkrankenschwester werden.“

Als Bewohnerin des Internats nahm sie einmal auch an Wochenend-Exerzitien eines Jesuiten-Paters teil, wobei sie eine unerwartete Erfahrung hatte: „Während ich in der Kapelle vor dem Kreuz betete, wurde mir klar, dass mein Lebensweg in den „Guten Hirten“ führt.“ Dieser Gedanke habe sie dann nicht mehr losgelassen, obwohl sie sich anfangs noch dagegen wehren wollte. „Ich habe gedacht: Melitta, Du spinnst.“

Ihr ebenso verblüffter Vater verlangte, erst mit der Großjährigkeit offiziell in den Orden einzutreten. Bis dahin war sie dem Orden als Kandidatin verbunden. Die Provinzleiterin sagte ihr, dass im Orden eher Lehrerinnen als Kinderkrankenschwestern gebraucht würden. Vor diesem Hintergrund solle Schwester Melitta bis zur Matura die adäquate Schule besuchen, um später noch studieren zu können.

Nach der Matura trat Schwester Melitta im Jahr 1966 offiziell in den Orden ein. Ihr Noviziat verbrachte sie in Graz, ergänzt um Praktika bei den Mädchen im Heim in Graz und in Obersiebenbrunn. Aber bevor sie 1970 nach der Ablegung der ersten Gelübde ihre akademische Ausbildung zur Hauswirtschaftslehrerin in Wien aufnehmen konnte, verbrachte sie zwei Jahre als Gruppenleiterin bei den Mädchen und im Mutter-Kind-Heim in Graz. „Ich war eingesetzt für Teenager-Mütter, die bei uns ihre Ausbildung (Schule oder Lehre) gemacht haben. Im zweiten Jahr leitete ich eine Gruppe mit 16 Mädchen zwischen 14 und 17 Jahren, die aus schwierigen Verhältnissen kamen.

Diese zwei Jahre Volleinsatz vor meinem Studium waren sehr wichtig, um das Charisma unserer Gründerin praktisch zu erfahren, zu erleben und zu vertiefen.

Nach ihrem Studium durchlief sie im Orden dann alle Stationen, die in Österreich möglich waren. „Ich war bei den Jugendlichen, bei den Teenager-Müttern und habe neben Kochen und Hauswirtschaft auch andere Fächer wie Lebenskunde und Erziehungslehre, wofür ich eine Zusatzausbildung machte, unterrichtet.“ Im Fach Buchhaltung jedoch sei sie dann zum Beispiel „immer ungefähr zwei Lektionen weiter als die Mädchen“ gewesen, was für sie eine „spezielle Erfahrung“ war. Solche Herausforderungen nahm sie an „im Verlassen darauf, dass ich es mit der „Hilfe von Oben“ schaffe.“ Ihr Weg als Lehrerin führte sie dabei von Klagenfurt (1972) über Graz (1973) bis Baumgartenberg, wo sie von 1978 bis 1989 unterrichtete und eine Mädchengruppe leitete.

Anschließend wurde Schwester Melitta als Erzieherin nach Feldkirch in das dortige „multikulturellle Kinderinternat“ berufen. „Meine Tätigkeit als Lehrerin war damit zu Ende.“ Bis 1994 arbeitete sie mit den Jungen und Mädchen des gemischten Kinder-Internats und mit „Tageskindern“ (zwischen 4 und 14 Jahren).Dann wurde ihr als Oberin die Verantwortung für das gesamte Haus anvertraut, bevor sie 1996 für sechs Jahre zur Leiterin der Provinz Österreich-Schweiz ernannt wurde.

2003 folgte ein Sabbatjahr, das sie für Aufenthalte in Tirol und Angers sowie für ihre persönliche Weiterbildung im Bereich Psychologie, Theologie und den Erwerb des Europäischen Computerführerscheins nutzte. Anschließend ging sie für drei Jahre als Oberin nach Baumgartenberg.

Die nächste Station führte sie 2007 nach Völs in Tirol, um neue Möglichkeiten der Hilfe für Frauen auszuloten.Eine völlig andere Aufgabe erwartete sie dann in Genf, wo Schwester Melitta zwischen 2008 und 2011 in einer kleinen internationalen Kommunität mit unterschiedlichen apostolischen Aufgaben im Rahmen des Charismas der Kongregation lebte. „2011 wurde ich gebeten, nach Wien zu gehen, um die Möglichkeiten unserer NGO für die Arbeit an der UNO für Menschenrechte in Bezug auf Frauen zu eruieren“ erinnert sie sich. Ende 2011 trat Schwester Melitta erneut eine Amtszeit als Provinzleiterin an und wechselte in diesem Zuge nach Vill. 2020 wird sie diese Verantwortung abgeben.

In ihrer abwechslungsreichen „Karriere“ hatte Schwester Melitta etliche prägende Erlebnisse, wie zum Beispiel ihre frühe Erfahrung im Rahmen der Sterbebegleitung einer Mitschwester. „Ich sollte sie eine ihrer letzten Nächte begleiten und hatte große Angst vor dieser Aufgabe“, erinnert sie sich. „Dann habe ich gemerkt, dass meine sterbende Mitschwester für mich gebetet hat, damit ich diese Aufgabe gut überstehe.“ In dieser Nacht machte Schwester Melitta die tiefgreifende Erfahrung, dass „Gott nicht nur am Anfang, sondern auch am Ende des Lebens bei uns ist, wenn man ihm vertraut, so wie diese Schwester ihm vertraut hat.“

Sehr dankbar ist sie auch für ihre Erfahrungen mit Teenager-Müttern, die sie bei ihren Geburten begleitet hat. „Für mich war es eine besondere Gnade, beim Beginn des Lebens in dieser Welt dabei sein zu dürfen.“ Immer wieder wurden ihr auch Säuglinge für Wochen oder sogar Monate anvertraut. „Ich übernahm für mehrere Kinder die Mutterrolle, bis eine geeignete Pflegefamilie oder Adoptiveltern gefunden wurden.“

Wenn sich Schwester Melitta etwas wünschen könnte, wäre es eine Gesellschaft mit mehr Sinn für die Gemeinschaft: „Heute schauen die Menschen zu sehr auf ihr persönliches Wohlergehen.“ Hier müsste ein Umdenken einsetzen. Und das könne nur mit Gottes Hilfe geschehen und mit Menschen, die diesen Wunsch im Visier haben, darum beten und in ihrem eigenen Leben umsetzen. „Dazu gehört auch, sich ungeachtet aller Unterschiede bezüglich Rasse, Hautfarbe, Religion, Beruf oder Besitz, gegenseitig als Menschen anzuerkennen, die alle denselben Ursprung haben: den Ursprung in Gott, der uns ins Leben gesandt hat.“

Für sich selber wünscht sich Schwester Melitta, dass sie nach dem Ende ihrer Amtszeit die Verantwortung gut an ihre Nachfolgerin übergeben kann und ihr in der anschließenden Sabbatzeit viel Zeit für Spiritualität bleibt. Danach möchte sie wieder arbeiten und „in Verbindung zu Gott für andere Menschen da sein“.

Rückblickend ist Schwester Melitta sehr dankbar für ihr erfülltes Leben und ihre schon in jungen Jahren empfangene Berufung. Daraus leitet sie auch ihre Botschaft an die Menschen ab: „Jeder Mensch sollte für sich entdecken, was Gott von ihm will und danach handeln. Das ist die Basis für ein glückliches Leben. Dafür muss man in sich hineinhören und sollte sich nicht von Medien und anderen äußeren Einflüssen oder Meinungen bestimmen lassen.“

„Wir müssen uns ungeachtet aller Unterschiede bezüglich Rasse, Hautfarbe, Religion, Beruf oder Besitz gegenseitig als Menschen anerkennen, die alle denselben Ursprung haben: den Ursprung in Gott, der uns ins Leben gesetzt hat.“